Arbeitsstelle Rechtsextremismus - kompetente Zivilgesellschaft

Miteinander: Hingucken statt wegsehen! Behörden verweigern Opfer unbürokratische Hilfe PDF Drucken

Behörden verweigern Opfer des rassistischen Brandanschlags in Sangerhausen unbürokratische Hilfe

Die Mobile Opferberatung und zahlreiche prominente UnterstützerInnen fordern, dass Boureima T. Sangerhausen verlassen und in Halle leben kann

Miteinander e.V.Zahlreiche Prominente unterstützen die Forderung des überlebenden Opfers eines neonazistischen Brandanschlags in Sangerhausen, die Stadt verlassen und in Halle leben zu können. Gegen 5.00 Uhr morgens am 6. Januar 2007 hatten Neonazis mehrere Brandsätze in die Wohnung von Boureima T. in einer Flüchtlingsunterkunft in der Morunger Straße in Sangerhausen geworfen. Dem 23-Jährigen aus Burkina Faso gelang es nur durch einen Sprung aus einem Fenster, den Flammen zu entkommen. Geistesgegenwärtig weckte der unter Schock stehende Betroffene weitere BewohnerInnen der Unterkunft, indem er von außen Steine gegen deren Fenster warf. Die Feuerwehr löschte schließlich den Brand, bevor das Feuer auf weitere Wohnungen übergreifen konnte.

Noch am gleichen Tag wurde Haftbefehl gegen zwei 25- und 26-Jährige tatverdächtige Neonazis wegen versuchten Mordes und besonders schwerer Brandstiftung erlassen. Die beiden mutmaßlichen Täter sind bereits wegen Körperverletzung und rechter Propagandadelikte polizeibekannt. Laut Ermittlungsbehörden hatten sie zuvor an einer Feier bei dem überregional bekannten Neonazi und Rechtsrockproduzenten Enrico Marx im nahe gelegenen Sotterhausen teilgenommen. Außerdem wird gegen weitere Tatverdächtige ermittelt.

Boureima T. verließ noch am Tag des Brandanschlages Sangerhausen und hält sich seitdem provisorisch bei Bekannten in Halle/ Saale auf. Aus Angst vor weiteren rassistischen Angriffen will er unter keinen Umständen weiter in Sangerhausen und Umgebung wohnen. Schon vor dem schweren Brandanschlag wurde der 23jährige Asylsuchende mehrfach Opfer von rassistischen Angriffen in Sangerhausen. Im November und Dezember 2006 griffen Unbekannte die Unterkunft an, in der außer Boureima T. noch weitere Flüchtlinge untergebracht sind. Dabei wurde jeweils auch Boureima T.’s Wohnung beschädigt. Bereits im Mai 2006 wurden Boureima T. und ein Freund am Bahnhof in Sangerhausen von einer Gruppe Rechter rassistisch beleidigt und angegriffen.

Während offizielle Stellen diese Vorfälle gegenüber der Öffentlichkeit verschwiegen, wurde die Angst Boureima T.´s vor weiteren Angriffen immer größer. Seit dem Brandanschlag ist er schwer traumatisiert. Derzeit wird er in Halle von einer französisch-sprachigen Psychologin betreut und von FreundInnen sowie der Mobilen Opferberatung unterstützt. Zudem fühlt er sich in der Universitätsstadt Halle/Saale mit einem für Sachsen-Anhalt vergleichsweise hohen MigrantInnen- und Flüchtlingsanteil relativ sicher vor weiteren rassistischen Angriffen.

Doch seit mehr als zwei Wochen weigert sich die Ausländerbehörde Sangerhausen, einer sogenannten Umverteilung von Boureima T. nach Halle/Saale zuzustimmen. Anstelle einer Lösung, die sich Boureima T. wünscht und angesichts seiner Traumatisierung dringend benötigt, wollen ihn die Behörden in abgelegene Gemeinschaftsunterkünfte Sachsen-Anhalts „umverteilen“. „Die politisch Verantwortlichen machen damit zweierlei deutlich: Dass Flüchtlinge als Opfer rechter Gewalt in Sachsen-Anhalt von den Behörden keinerlei Unterstützung erhalten. Und dass Kampagnen der Landesregierung mit Slogans wie »Hingucken! Für ein demokratisches und tolerantes Sachsen-Anhalt« allein der Imagepflege dienen“, kritisiert ein Sprecher der Mobilen Opferberatung.

Zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unterstützen inzwischen Boureima T. und seinen Wunsch nach einem Leben ohne Angst. Sie fordern die Verantwortlichen im Landkreis Sangerhausen, der Stadt Halle und den Innenminister von Sachsen-Anhalt auf, Boureima T., der nur durch einen Zufall einen rassistischen Mordversuch überlebt hat, auf unbestimmte Zeit in einer Flüchtlingsunterkunft in Halle unterzubringen.


Der Aufruf „Hingucken statt Wegsehen!“ wird u.a. von folgenden ErstunterzeichnerInnen unterstützt:

Prof. Dr. Roland Roth, Hochschule Magdeburg-Stendal

Anetta Kahane, Vorsitzende des Vorstands der Amadeu Antonio Stiftung

Uta Leichsenring, Polizeipräsidentin a.D.

Michael Marquardt, Geschäftsführer Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt

Marion Rohland, Civitas-Netzwerkstelle Sangerhausen

Johannes Krause, DGB Regionsvorsitzender südliches Sachsen-Anhalt

Siegried Stegner, DGB Regionsvorsitzender Region Magdeburg-Altmark

Udo Schmode, Geschäftsführer „Arbeit und Leben Sachsen-Anhalt“

Grit Gurol, Vorstandsvorsitzende Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt e.V.

Christof Starke, Geschäftsführer Friedenskreis Halle e.V.

Hans Jochen Tschiche, Vorstandsvorsitzender Miteinander - Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt e.V.

Prof. Dr. Jochen Fuchs, Hochschule Magdeburg-Stendal

Superintendent Gottfried Appel, evangelischer Kirchenkreis Eisleben

Dr. Christian Staffa, Geschäftsführer Aktion Sühnezeichen Friedensdienste

 

26.01. 2007